Sommer, Pride-Nachklang, offene Fragen

Zwischen Sommerhitze und Regenbogenflaggen, Tradition und Protest war dieser Monat für viele von uns mehr als nur ein paar bunte Tage. Auf den Strassen von Basel und Liestal, auf Bühnen und in Unternehmen zeigte sich, wie vielfältig Sichtbarkeit sein kann – laut und leise, fröhlich und ernst, manchmal widersprüchlich.

In diesem Newsletter möchten wir ein paar dieser Momente teilen, ohne einfache Antworten zu versprechen: ein Tag, der bleibt, ein Auftritt mit grosser Wirkung und ein Blick auf Firmenlogos, Engagement und die Frage, wo Unterstützung endet und Pinkwashing beginnt.

Viel Vergnügen mit dem kürzeren Juli 2026 Newsletter eurer habs queer basel. 

© habs queer basel / Alessandro Wenger

Ein Tag, der bleibt

von Alessandro Wenger
 
Es fühlte sich an wie 35 Grad mitten in der Stadt. Die Sonne stand hoch, die Luft flimmerte, und die Menschen suchten jeden Quadratmeter Schatten vor dem Kunstmuseum Basel, um den Worten auf dem Podium zu lauschen. Schweissperlen liefen über Stirnen, jemand spritzte Wasser in die Menge, und für einen Moment war da dieses leise, gemeinsame Aufatmen – eine kurze Abkühlung inmitten eines sehr heissen Tages.
 
In dieser Hitze standen wir zusammen, nicht nur für uns selbst, sondern für die LGBTQIA+ Community auf der ganzen Welt. Basel tickt bunt zeigte sich auch dieses Jahr von seiner besten Seite: friedlich, fröhlich – und zugleich ernst. Zwischen Musik und Parolen war spürbar, dass die Zeiten, in denen unsere Anliegen selbstverständlich unterstützt wurden, schwieriger geworden sind. Nicht vorbei, aber umkämpfter.
 
Die Politik diskutiert erneut über Kürzungen bei Gleichstellungsbeiträgen. Aus vielen europäischen Ländern werden vermehrt Angriffe auf LGBTQIA+ Personen gemeldet. Und in Teilen Asiens werden queere Menschen noch immer öffentlich erniedrigt und bestraft.
 
In dieser Realität wirkt eine Pride unkompliziert bunt – und gleichzeitig tief notwendig.
 
Manche Stimmen behaupten heute, Prides seien überflüssig. Basel hat an diesem Tag etwas anderes erzählt. Die Strassen waren voll, die Stimmen laut, die Farben sichtbar. Der Pride Walk von Basel tickt bunt zeigte: Es braucht diese Anlässe. Und die Zahl der Teilnehmenden zeigte genauso deutlich:
 
Die Menschen wollen sich beteiligen, sie wollen nicht schweigen.
 
Mittendrin war habs queer basel mit einem eigenen Wagen unterwegs. Etwa in der Mitte des gut einen Kilometer langen Umzugs sprachen wir mit Gruppen, verteilten Getränke, lachten, hörten zu. Das Bier zur Verfügung gestellt durch Ueli Bier und die alkoholfreie Mate-Variante waren nicht nur wegen der Hitze gefragt, sondern auch wegen der herzlichen, offenen Stimmung rund um unseren Wagen. Es war dieser Mix aus politischem Ernst und ehrlicher Freude, der viele von uns besonders berührt hat.
 
Basel stand an diesem Wochenende aber nicht nur im Zeichen der Community, sondern auch im Bann des Eidgenössischen Jodlerfestes.

Zwei Anlässe, die unterschiedlicher kaum sein könnten: die Pride laut, farbig, wild; das Jodlerfest ruhig, traditionsreich, bürgerlich. Und doch kamen beide einander erstaunlich nahe. Im Zug sprach uns eine Gruppe von Frauen in Tracht an, offensichtlich aus der Innerschweiz angereist: „Super habt ihr euch gezeigt!“ Ein kurzer Satz, ein freundliches Lächeln – und ein Zeichen dafür, dass Pride längst auch Menschen erreicht, die sich selbst nicht als Teil der Community sehen.
 
Nicht nur in Basel-Stadt war habs sichtbar, sondern auch in Liestal. Die Demonstrationen kennen bekanntlich keine Grenzen, und so hat sich auch die Kantonshauptstadt von Basel-Landschaft herausgeputzt und ist für unsere Rechte eingestanden. Der CSD Baselland mag kleiner sein als Basel tickt bunt, doch gerade dort, in der Nähe von Gemeinden und Dörfern, ist Sichtbarkeit besonders wichtig.
 
In diesem Jahr waren wir als habs queer basel noch mit eher kleinen Gruppen unterwegs. Vielleicht ist genau das der Anfang. Wir freuen uns schon jetzt darauf, dich im nächsten Jahr bei unserem Wagen begrüssen zu dürfen – in Basel, in Liestal, vielleicht auch an anderen Orten.

Quellen:

  • Basel tickt bunt / Pride Walk / Queerfestival Kunstmuseum Basel
    https://kunstmuseumbasel.ch/en/visit/agenda/detail/4395/queerfestival-basel-tickt-bunt-mit-pride-walk
    https://kunstmuseumbasel.ch/de/veranstaltungen/veranstaltungshighlights/queerfestival-basel-tickt-bunt
  • CSD Baselland / Pride Schweiz 2026
    https://queerswitzerland.ch/fr/pride
  • Lage von LGBTQIA+ Personen in Europa
    ILGA-Europe – Rainbow Map / Annual Review
  • Lage von LGBTQIA+ Personen international
    Amnesty International / Human Rights Watch / UN Human Rights
© Pexels / Ryan Klaus

Ein Auftritt: Grosse Wirkung  

von Fabian K. Eggimann & Ulrich Bigler

Der Jodlerklub Männertreu Suisse hat am Eidgenössischen Jodlerfest 2026 in Basel Geschichte geschrieben: Erstmals wurde ein Jodlerklub schwuler Männer an einem Eidgenössischen Jodlerfest offiziell und ausdrücklich als solcher vorgestellt.
 
Wer vermutet hätte, dass ein solches Projekt in einem eher konservativ geprägten Umfeld auf Zurückhaltung stossen würde, wurde eines Besseren belehrt.

Bereits vor dem offiziellen Auftritt durfte sich der Chor über mehrfachen Applaus freuen. Auch der Wertungsvortrag selbst gelang hervorragend und wurde mit einer Höchstnote ausgezeichnet.
 
Wir gratulieren dem Jodlerklub Männertreu Suisse und seinen Mitgliedern ganz herzlich zu diesem grossartigen Erfolg.

Gleichzeitig danken wir ihnen für ihren Mut, ihre Leidenschaft und die wichtige Sichtbarkeit, die sie unserer Community an einem der bedeutendsten Anlässe des Schweizer Brauchtums geschenkt haben. Ihr Auftritt zeigt eindrücklich, dass Tradition und Vielfalt nicht im Widerspruch stehen, sondern sich bereichern können.

Quellen:

  • Jodlerklub Männertreu Suisse
    https://www.jodlerklub-maennertreu.ch
  • SRF Musikwelle: „Der erste Jodlerklub für Schwule“
    https://www.srf.ch/audio/musikwelle-magazin/der-erste-jodlerklub-fuer-schwule
© habs queer basel / Alessandro Wenger

Ein Zeichen oder nur Fassade?

von Alessandro Wenger

Juni und Juli gelten weltweit als Monate, in denen die LGBTQIA+ Community besonders um Sichtbarkeit ringt. Monate, in denen Menschen für ihre Rechte auf die Strasse gehen und sich über Grenzen hinweg in Demonstrationen und Pride-Veranstaltungen verbinden.

In dieser Zeit werden auch viele Unternehmen farbenfroher. Ein Beispiel hierzulande: Swiss International Air Lines zeigt während elf Monaten im Jahr ihre rote Flugzeugflosse als Logo – im Juni verwandelt sich diese online in eine Regenbogenfahne. Ist das nur ein grafisches Detail, oder steckt mehr dahinter?

Man will zeigen, dass das Unternehmen modern, fortschrittlich und tolerant ist – ein Ort, an dem alle willkommen sind. Im Fall von Swiss wissen viele innerhalb der Community, dass dieses Signal mehr ist als nur Kosmetik: Swiss unterstützt etwa das Pink Apple Filmfestival in Zürich und gilt als Arbeitgeber, der Diversity ernst nimmt. Aber ist das überall so einfach zu beurteilen?

Wenn Logos plötzlich bunt werden, stellen sich Fragen: Wie viel Substanz steckt hinter diesem Zeichen? Wie werden queere Mitarbeitende tatsächlich geschützt? Welche Projekte werden über den Pride-Monat hinaus unterstützt? Und ab wann sprechen wir von Pinkwashing – also davon, dass die Unterstützung vor allem Marketing ist?

Die LGBTQIA+ Community gilt weltweit als kaufkräftig. Wenn Unternehmen ihre Logos in Regenbogenfarben tauchen, geschieht das manchmal mit aufrichtiger Solidarität im Hintergrund – und manchmal vor allem mit Blick auf Absatz und Image. Wie unterscheiden wir beides?

Ein oft diskutiertes Beispiel: BMW. Im Juni 2021 zeigte der Konzern auf vielen internationalen Instagram-Accounts ein Regenbogenlogo – allerdings nicht in Saudi-Arabien, Russland oder Polen. Die Kritik war laut: Heuchelei, Verlogenheit, Opportunismus. Ist diese Kritik immer berechtigt? Oder versucht ein Unternehmen wie BMW, sich in bestimmten Ländern vor staatlichen Repressionen zu schützen, während es in anderen Kontexten trotzdem Signale sendet?

Ein offizielles Statement dazu gab es nicht. Würde eine Erklärung die Debatte beruhigen? Oder würde sie neue Fragen aufwerfen – etwa danach, wie konsequent Solidarität sein darf, wenn sie wirtschaftliche Risiken mit sich bringt?

Ein weiteres Beispiel ist Microsoft, einer der grössten Softwareproduzenten der Welt. Vieles deutet darauf hin, dass der Konzern Diversity sichtbar verankern möchte. Gleichzeitig spendete Microsoft 2020 rund 150’000 US-Dollar an LGBTQIA+ NGOs – einigen erscheint das als zu wenig, andere sehen darin ein wichtiges Zeichen. Was ist „genug“ Unterstützung, und wer entscheidet das?

Noch komplexer wird es, wenn nach politischen Veränderungen einzelne Diversity-Projekte plötzlich eingestellt oder heruntergefahren werden. Passiert das, weil Unternehmensleitungen unter neuen politischen Rahmenbedingungen lieber vorsichtig agieren? Oder zeigt es, dass Pride-Symbolik auf Social Media manchmal stabiler ist als der tatsächliche Einsatz im Inneren einer Organisation?

Gleichzeitig lohnt sich ein Blick auf die Menschen innerhalb dieser Unternehmen. Viele Diversity- und Pride-Initiativen – auch in unserer Region Basel – entstehen nicht auf der Ebene der Unternehmensleitung oder des Marketings, sondern werden von sogenannten Employee Resource Groups, also Mitarbeitenden‑Netzwerken, getragen. Werden solche Initiativen pauschal als Pinkwashing bezeichnet, verkennt dies das ehrenamtliche und oft sehr persönliche Engagement jener Mitarbeitenden, die Veränderungen von innen heraus vorantreiben.

Viele dieser Fragen lassen sich nicht abschliessend beantworten. Vielleicht geht es weniger darum, Unternehmen pauschal mit dem Label Pinkwashing zu versehen, und mehr darum, genau hinzuschauen: Wie sieht die Situation für Mitarbeitende aus? Werden queere Projekte kontinuierlich unterstützt? Wie verhält sich ein Unternehmen, wenn Solidarität unbequem wird?

Bevor wir ein Unternehmen abschreiben, kann ein Blick hinter die Kulissen hilfreich sein. Gleichzeitig dürfen wir kritisch fragen: Wer profitiert von der bunten Fahne – nur das Marketing oder auch die Menschen, deren Leben diese Fahne angeblich schützen soll?

Quellen:

  • Pinkwashing / Corporate Pride
    https://de.wikipedia.org/wiki/Pinkwashing
  • SWISS / Diversity / Engagement
    https://www.swiss.com
    https://pinkapple.ch
  • Berichte zu BMW Pride-Kommunikation 2021
    Medienberichte und Social-Media-Analysen vom Juni 2021
  • Microsoft / LGBTQIA+ Engagement
    https://blogs.microsoft.com
  • Hintergrund zu „Rainbow Capitalism“ / Corporate LGBTQIA+ Advocacy
    NGO- und Medienanalysen zum Thema Corporate Pride
© Pexels

Gemeinsam durch den Juli

habs Rheinschwimmen und Apéro
Ursprünglich für den 17. Juli 2026 geplant, ist unser Rheinschwimmen buchstäblich mit dem lang ersehnten Regen den Rhein hinuntergeschwommen. Aber wir geben nicht so schnell auf: Wenn das Wetter mitspielt, holen wir unseren gemeinsamen Schwumm jetzt nach.

Komm mit uns am 24. Juli 2026 in den Rhein und geniesse eine entspannte Zeit zuerst im Wasser und anschliessend beim Apéro an der Dreirosen-Buvette. Egal, ob du schon oft geschwommen bist oder das erste Mal dabei sein möchtest – du bist herzlich willkommen.

Datum: 24. Juli 2026
Treffpunkt: 18:00 Uhr, Dreirosen-Buvette
Anmeldung: events@habs.ch

ZischBar im Juli
Sommer, Gespräche, etwas zu trinken – die ZischBar lädt jeden Dienstag ein, einen Abend lang runterzufahren, ins Gespräch zu kommen und neue Menschen kennenzulernen. Ob du schon lange Teil der Community bist oder einfach mal reinschnuppern möchtest: Die ZischBar ist ein offener Raum für Austausch, Fragen, Ideen und ganz unkomplizierte Begegnungen.

Trotz Bauarbeiten wird die Zischbar diesen Sommer weitergeführt. Jedoch ist die KaBar ab jetzt, bis und mit dem 27. Juli 2026 in Sommerpause. Das ZischBar Team bemüht sich zur Zeit um eine alternative Lösung. Informationen folgen via Instagram.

Datum: 21. Juli 2026
Follow Up: ZischBar Original und habs queer basel
Rückfragen: events@habs.ch

Berner Pride
Die Bundesstadt hüllt sich am 25. Juli 2026 in die Farben der LGBTQIA+ Community.
Vor der Haustüre unseres Parlaments demonstriert die Bern Pride für Rechte und Schutzräume, die diesen Namen verdienen. Mitten darin steht unser Vorstandsmitglied Lea Blattner auf der Hauptbühne.

Um ca. 17:00 Uhr wird Lea eine Rede halten, die den Nerv der Zeit trifft: die Forderung nach einem nationalen Verbot von Konversionsmassnahmen. Ein Thema, das viele Menschen direkt betrifft – und ein klarer Auftrag an Politik und Gesellschaft, queerfeindliche „Therapien“ endlich zu stoppen.

Weitere Informationen zur Bern Pride findest du unter:
www.bernpride.ch

Wir freuen uns auf viele gemeinsame Begegnungen mit euch!


Mit der steigenden Beliebtheit unserer Gesprächsgruppen und den vielfältigen Themen, die in der Community gemeinsam besprochen und ausgetauscht werden, haben Vorstand und Gruppenleitende einen neuen Verhaltenskodex erarbeitet. Dieser ist ab sofort auf unserer Homepage zu finden.

Zum Code of Conduct 

Verantwortlich für den Newsletter: Alessandro Wenger